Die Taxstempel von Reutte – eine postgeschichtliche Besonderheit
1778 erhielt Reutte im Tiroler Außerfern, unmittelbar an der Grenze zu Bayern, seine Poststation. Schon damals war die Fernpassstraße, die weiter nach Füssen in Bayern führte, eine der bedeutenden Transitrouten Europas. Relativ bald nach Gründung des Postamtes erschütterte die Französische Revolution Europa und von 1806 bis 1814 war der Ort bayerisch. Aus dieser Zeit stammt der etwas seltsame Rayonstempel „REUTTI R.4“. Die große Bedeutung dieser Strecke für den internationalen Fernverkehr bzw. die Transitpost zeigt schon der Stempel „Franco Füssen“, der für Briefe aus den Niederlanden nach Italien verwendet wurde. Der Postvertrag zwischen Österreich, Preussen und Thurn und Taxis regelte, dass solche Briefe bis Füssen, unmittelbar am Grenzübergang nach Reutte, bezahlt werden mussten.

Brief von 1831 aus S´Hertogenbosch in den Niederlanden nach Neapel. Entsprechend den Postverträgen musste er bis Füssen frankiert werden und erhielt in Verviers, an der preussisch-niederländischen Grenze, den Stempel „Franco Füssen“.
1823 übernahm Joseph Leopold Angerer als vierter Postmeister die Poststation Reutte, der er bis 1861 vorstand. Das Postaufkommen hatte sich in dieser Zeit rasant vermehrt. Angerer, der auch als erfolgreicher Gastwirt tätig war, hielt sechs Pferde, zwei Wägen und hatte zwei Postillione angestellt. Sein Postgebiet umfasste nicht nur Reutte bis zur bayerischen Grenze, sondern erstreckte sich bis Lech am Arlberg.

Dieser Brief ist der bislang einzig bekannte Brief, bei dem Postmeister Angerer die Gebühr sowohl handschriftlich anbrachte wie auch stempelte.
Der Aufschwung von Gewerbe und Industrie, der in den 40er Jahren einsetzte, brachte auch im Postwesen Innovationen. Das vereinfachte Porto vieler Länder oder die Einführung von Briefmarken in England sprach sich weit herum. Offensichtlich gehörte auch Angerer zu jenen Postmeistern, die den Neuerungen gegenüber offen waren. Damit stand er ganz im Gefolge des Obersten Hofpostmeisters Otto von Ottenfeld, der 1842 mit einer neuen Gebührenordnung das Taxwesen in Österreich revolutionierte. Nachdem von 1817 bis 1842 sieben verschiedene Portostufen galten, die sich an den durchlaufenen Poststationen orientierte, stellte Ottenfeld 1842 auf ein Entfernungsporto nach Meilen um. Der einfache Brief bis 10 Meilen kostete 6, für mehr als 10 Meilen 12 Kreuzer. Als einfacher Brief galt ein Brief bis zu einem halten Lot Gewicht (ca. 9 Gramm). 1843 wurde die Meilengrenze auf 20 Meilen erhöht.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Angerer in Reutte zu einer Vereinfachung: Er schnitzte sich einfache Taxstempel aus Holz. Den ersten Belegen kennen wir vom 22. Juli 1843. Es ist nur die Ziffer 6 ohne Wertangabe. Aufgrund der neuen Taxregelung kosteten die allermeisten Briefe 6 Kreuzer. Schon Edwin Müller verzeichnet diesen Stempel in seinem bekannten Katalog und dazu noch eine 12. Die Holzstempel waren bis 1845 in Gebrauch. Dann dürften sie gebrochen sein und wurden durch neue, elegantere Stahlstempel ersetzt. Etwa 80 Prozent der erhaltenen Briefe mit dem Taxstempel 6 gehen nach Vorarlberg. Sie alle tragen als Ortsstempel den typischen Tiroler Doppelkreisstempel von Reutte.
Aber warum waren Taxstempel oder Taxierungen zu jener Zeit überhaupt notwendig? Bis zur Einführung der Briefmarken konnte man Briefe wahlweise frankiert oder unfrankiert aufgeben. Für die Frankierung musste man zum Postamt gehen und das Geld bar bezahlen. Die bezahlte Gebühr wurde rückseitig vermerkt. Vorderseitig erhielt der Brief entweder einen Franco-Stempel oder ein Andreaskreuz aus Tinte oder Rötel. Man konnte den Brief aber auch einfach unbezahlt beim Postamt aufgeben oder in einen Briefkasten werfen. Dann schrieb der Postmeister die fehlende Gebühr auf die Vorderseite – in Reutte wurde sie eben gestempelt. Der Adressat hatte die Postgebühr bei der Abgabe des Briefes zu bezahlen. Dies waren die sogenannten Portobriefe.

Die beiden fühesten bekannten Briefe mit dem Taxstempel „3“. Beide stammen vom Februar 1850. Der ältere vom 14. Februar, der jüngere vom 22.
Am 1. Juni 1848 kam es zu einer neuerlichen Portoreduktion. Nun kostete ein Brief bis 10 Meilen 3 Kreuzer, von 10-20 Meilen 6 Kreuzer und über 20 Meilen 12 Kreuzer. In Reutte stempelte man zunächst weiterhin nur die 6 Kreuzer-Briefe, denn aus dem Jahr 1849 gibt es eine ganze Reihe von Belegen, auf denen die 3 Kreuzer handschriftlich vermerkt wurden. Doch war das Briefaufkommen so groß, dass sich Angerer bald schon einen Stahlstempel mit „3“ Kreuzern schneiden ließ. Bislang sind nur ganz wenige Belege aus der ersten Hälfte des Jahres 1850 bekannt, die diesen Taxstempel tragen. Es dürften auch nicht viele erhalten sein, denn mit der Einführung der Briefmarken am 1. Juni 1850 wurde die Vorausfrankatur verpflichtend und die Verwendung der Taxstempel erübrigte sich. Sie tauchen danach auch nicht mehr auf.

Die Abbildung zeigt einen der wenigen Briefe, der nicht nach Vorarlberg ging, sondern nach Meran in Südtirol mit 6 Kreuzern Taxstempel.
Literaturhinweis: Der Pionier in der Erforschung der Taxstempel von Reutte war DI Gerhard Oberleitner, der ein ausgezeichnetes Exponat über das Tiroler Außerfern hatte und in der Festschrift zum Philatelistischen Salon Reutte 1989 einen ausführlichen Artikel mit vielen Beispielen aus seiner Sammlung publizierte. Die abgebildeten Reutte-Briefe stammen aus der Sammlung Oberleitner.